Kliestow - Ortsteil der Stadt Frankfurt (Oder)

 

 Thema 18: Das Kriegsende

Seit 1939 wütete in ganz Europa, Nordafrika, Ostasien und auf den Weltmeeren der von den Deutschen unter Hitler begonnene und mit seinen Verbündeten geführte 2. Weltkrieg. Nach anfänglichen Erfolgen der deutschen, italienischen und japanischen Armeen und Einheiten verbündeter Staaten (Achsenmächte) kehrte der Krieg zu ihnen zurück, natürlich auch nach Deutschland und nach Kliestow.

 

Schon vor 1945 war klar, daß Deutschland den Krieg nicht gewinnen konnte. Die Alliierten marschierten ein, beendeten in vielen Kämpfen, darunter auch in der Schlacht um die Seelower Höhen, den Krieg. Deutschland kapitulierte am 08. Mai 1945.

 

 

 

Luftbildausschnitt Kliestows von 1945

 

 

Am 4. Februar 1945 kam der Befehl zur Evakuierung des Dorfes zum Schutz vor der von Osten vorrückenden Front. Der Kirchturm wird zum Beobachtungspunkt für eine Flakbatterie (Flugabwehrkanonen-Batterie), die ab nun auf den Hügel in der Nähe der Friedhofskapelle eine neue Stellung bezog. Vorher befand sich diese Stellung auf der rechten Seite der Chaussee am Ende des Dorfes in Richtung Booßen auf der Anhöhe, wo heute die Einfamilienhäuser stehen.

In unmittelbarer Nähe, unterhalb der neuen Flakstellung, befindet sich der Friedhof, auf dem eine sehr schöne Kapelle stand. Leider wurde sie von der SS gesprengt, weil sie angeblich der sowjetschen Armee als Zielscheibe diente. Diese Kapelle wurde ebenso wie die Schule nach Plänen des Architekten Dr. Curt Steinberg 1913 erbaut.

Leider ist kein vollständiges Bild mehr vorhanden, sondern nur wie man auf dem Foto sieht die Kuppel. Es war ein sechseckiger Bau. Die Fenster waren aus Bleiglas. Zwei Fenster sind in der jetzigen Kapelle eingebaut. Mehrere Fenster stehen noch defekt unter auf dem Dachboden der Kirche.

 

 

  18-1-02 Kapellenfenster

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Am 5. Februar fallen drei deutsche Soldaten in bzw. um Kliestow. Sie wurden laut Mitteilung im Kirchenbuch Nr. 12866 unter Nr. 42, 43 und 44 durch Pfarrer Bahr notiert und eingetragen. Sie wurden auch auf dem Kliestower Friedhof beerdigt.

                Folgende Angaben sind vorhanden:

                42. F. Barker geb. 28.05.1890 gest. 05.02.1945

                43. K. Hampe geb. 20.09.1995 gest. 05.02.1945

                44. Fritz Rupreout (keine weitere Angaben) 

 

 

Frau Elisabeth Gielisch berichtet von den Tagen der Räumung des Dorfes Folgendes:

 

„Heute müssen alle Kliestower den Ort vor der vorrückenden Front verlassen. Familie Gielisch kommt mit ihren Verwandten und anderen Kliestowern bis Fehrbellin und Neuruppin. Die Familien Kobbold, Ehrenberg und Gielisch kehren aber sofort wieder um und sind somit eher wieder zurück in Kliestow, als die vorrückende Front der Russen. Familie Kitzrow verschlug es bis nach Rheinsberg.“

 

 

Am 26. Januar 1945 wurde Frankfurt zur Festung erklärt und entsprechend aufgerüstet. Zur Bewaffnung gehörten am 2. März unter Anderem ortsfest aufgestellte Panzertürme mit 200 Schuß Munition. Auf der Gemarkung Kliestow standen 4 solcher Türme. Drei in der Nähe des Bahnwärterhauses: westlich, nordwestlich und nördlich davon.

Der vierte Panzerturm befand sich westlich der Kliestower Straße, in Höhe des Küstersees auf dem Berghang. Die 3 Panzertürme am Bahnwärterhaus sind gleich nach Kriegsende verschwunden, dagegen wurde der auf den Hängen an der Kliestower Straße erst am 24.08.1984 geborgen. Der Bunker, der darunter lag, wurde beräumt und zugeschüttet. Der Turm wurde restauriert und steht jetzt als Ausstellungsstück auf der Festung Königstein.

 

 

 

Militärkarte 1945

 

Die Karte zeigt das Bahnwärterhaus auf den Höhen des Oderhanges, in dessen Nähe sich die 3 Panzertürme befanden. Der genaue Standort ist nicht mehr bekannt.

Panzerturm auf den Hängen der Kliestower Straße

 

 

Panzertürme

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Im Mai 1945, kurz vor Kriegsende, entging die Kirche knapp der Sprengung des Turmes durch die SS. An allen 4 Seiten des Turmes waren in den Feldsteinfundamenten schon entsprechende Vorbereitungen für die Sprengladungen getroffen worden. Frau Elisabeth Gielisch erinnert sich, dass an einem Sonntag den ganzen Tag in der Kirche gehämmert wurde. Der Turm diente als Aussichtsturm der deutschen Wehrmacht. 

Dieses schändliche Werk wurde aber leider an der Friedhofskapelle durchgeführt, weil oberhalb der Kapelle sich eine Flakstellung befand und man somit einen etwaigen Zielpunkt für die sowjetische Armee beseitigen wollte.

Eine zweite Flakstellung befand sich auf der Anhöhe rechts neben der Berliner Chaussee am Ausgang von Kliestow Richtung Booßen. Auf dem jetzigen Garagenkomplex war die Wohnbaracke der Soldaten, die ihnen nach 1945 zeitweise als Wohnhaus und Stallung für die Familie Knispel diente.

 

 

Nach Kriegsende befand sich auf dem heutigen Gelände der Telekom am Spitzkrug das erste so genannte Gefangenen-Entlassungslager (bis dahin das „RAD-Lager*) Kliestow“)am Spitzkrug. Es war für die aus der Sowjetunion heimkehrenden Soldaten die erste Bleibe auf heimatlichen Boden. Erbaut wurde dieses Barackenlager 1934.

 

*) Reichsarbeitsdienstlager für Mädchen vor 1945. Es gab auch bei der kämpfenden Truppe die so genannten RAD–Abteilungen. Aus Kliestow hatten diese die Bezeichnung RAD-Abteilung Frankfurt/Oder 1936, 1938, 1939, 12.11.1943-Kliestow

 

Die ausgemergelten Soldaten kamen am Bahnhof an und mussten den für sie beschwerlichen Weg über Bahnhofstrasse, Halbe Stadt, Karl-Ritter-Platz, Berliner Strasse, Göpelberg bis zum RAD-Lager Kliestow am Spitzkrug zu Fuß zurücklegen. Der Transport von der Ostfront per Schiene ging nur deshalb bis zum Bahnhof, weil von Moskau bis Berlin auf Befehl von Stalin schon auf russische Breitspur umgebaut war. Innerhalb der Stadt zum Verschiebebahnhof lag aber nur Normalspur.

 

Erst am 13. September 1945 kam der sowjetische Befehl, dass die Normalspur in Deutschland verbleibt. Auch in Polen wurde die Breitspur wieder zurückgebaut. Der Gefangenentransport konnte nun bis zum Güterbahnhof bzw. Verschiebebahnhof erfolgen. Das Entlassungslager Spitzkrug wurde bald aufgegeben.

 

Die entlassenen Soldaten vom RAD-Lager Kliestow, die auf ihre Heimfahrt warteten, fanden vorübergehend im alten Viadrinagebäude (später Georgenschule) eine Bleibe. Dieser Einkehrpunkt hatte auch eine Krankenstation.

 

 

In dem Buch „Von der Festung zur Lazarettstadt Frankfurt (Oder) 1945–1949“ beschreibt Dr. med. habil. Klaus Eichler nach einer über 15 Jahre hin laufenden Recherche Folgendes über die heimkehrenden Kriegsgefangenen von der Ostfront.

 

„Die ersten Entlassungen aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft ab 1945 fanden sehr unterschiedlich organisiert aus dem Güterwagen heraus statt. Ab Juli/August 1945 waren Anfänge einer Strategie zu erkennen: Nach Ankunft eines Heimkehrerzuges auf den Personenbahnhof Frankfurt(Oder) wurde sich auf dem Bahnhofsvorplatz gesammelt. Schon hier standen Pferdefuhrwerke bereit, um Zusammengebrochene aufzulesen- doch es waren auch Tote darunter. Der Abmarsch dieser Elendstruppe erfolgte entlang der Bahnhofsstraße, durch die Halbe Stadt, am Magazinplatz vorbei, entlang der Berliner Straße in die Goepelstraße und dann in das ehemalige RAD–Lager Kliestow, Heute: Standort des Telekom Gebäudes. Dieses Lager am Spitzkrug verfügte über 12 Baracken, war mit Maschendraht (andere Zeitzeugen sagen Stacheldraht) hermetisch abgeriegelt, diente als Entlassungslager aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft und war sowjetisch–deutsch administriert (verwaltet).

Für diesen nicht ganz 5 km langen Marsch benötigte der Elendszug vom Bahnhof aus um die 3 Stunden. Begleitet von zwei bis drei Pferdewagen, die Umsinkende aufnahmen. Sowjetisches Begleitpersonal gab es kaum zu sehen.

Der Entlassungsprozess musste schnell ablaufen. Die nächsten Antransporte waren jeder Zeit zu erwarten. Nach der Aushändigung des ,Spawkas‘ (des Entlassungsscheines) gab es grundsätzlich eine Marschverpflegung für zwei Tage, hauptsächlich bestehend aus Trockenfisch und Brot, und die soeben entlassenen Kriegsgefangenen verteilten sich in der Stadt. Die meisten strebten unverzüglich zum Bahnhof, um in ihre Heimatorte zu gelangen. Viele verblieben in einer Art Zwischenstation in der Georgenschule – früher Hauptgebäude der Viadrina – Universität 1506–1811 – in der Richtstraße, heute Karl–Marx–Straße, um den nächsten Tag abzuwarten oder nur einfach zu pausieren.

Das Entlassungslager Kliestow verfügte über eine Krankenstation. Einziger Beweis dafür ist bisher eine Information des zuständigen Lagerarztes Dr. Picht an die Angehöhrigen eines hier verstorbenen Kriegsgefangenen deutschen Soldaten im November 1945. Dieses Schreiben vom 03.12.1945 lautet:  

 

Habe Ihnen die traurige Mitteilung zu machen, dass der Obergefreite Hans Noll, geb. 22.01.05 am 02.11.45 im Entlassungslager zu Frankfurt/Oder verstorben ist.

Die ärztliche Diagnose lautete auf allgem. Körperschwäche.

Die Bemühungen deutscher und russischer Ärzte waren vergeblich. Es gelang ihnen nicht, N. zur Gesundheit zu verhelfen.´       

                                                                                              Unterschrift

                                                                                              (Dr. Picht, Lagerarzt)

H. Noll ist auf dem alten Soldatenfriedhof für französische Kriegsgefangene von 1914–1918 bei dem Dorfe Kliestow (Vorort von Frankfurt-Oder) beigesetzt worden.“

               

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Mit dieser Information über die Beisetzung eines im Entlassungslager Kliestow 1945 verstorbenen kriegsgefangenen deutschen Soldaten des zweiten Weltkrieges auf dem ehemaligen Kriegsgefangenenfriedhof des ersten Weltkrieges wird zumindest die Spekulation wachrufen, daß der Kriegsgefangenenfriedhof des ersten Weltkrieges Beisetzungsbereich für Verstorbene im Entlassungslager Kliestow 1945 wurde. Von der Örtlichkeit her wäre das erklärlich. 

 

Von dem Barackenlager existiert heute noch eine Baracke in Kliestow. Sie steht als letztes Gebäude von Kliestow in Richtung Booßen auf der rechten Seite der Chaussee.

 

 

Ehemalige Baracke

 

Der ehemalige Einwohner Helmut Barfuß erzählte, dass sein Opa Paul Alisch diese Baracke selbst nach 1945 am Spitzkrug abgebaut und sich als Wohnunterkunft und Stall in Kliestow neu aufgebaut hatte. Einige Zeit wohnte auch Helmut Barfuß dort. Er wurde 1949 in Kliestow eingeschult und ging dann aber nach 1952 in Frankfurt zur Schule.

Zwei weitere Baracken befanden sich noch in Kliestow, und zwar eine auf dem Grundstück des Garagenkomplexes Kliestow „Am See“ und die andere auf einem Grundstück direkt am See.

 

Dazu gibt es noch folgendes Bild. Die Baracke ist vor den Häusern zu sehen. 

 

Baracken am See

 

 

 

In der Frankfurt- Information Nr.11/86 finden wir folgende Information über den Abbau und Neunutzung der Baracken aus dem Jahre 1946:

 

   

Bericht aus Ffo-Information 11/86

 

Luftbild von 1945 mit Kennzeichnung des RAD-Lagers am westlichen Bildrand (links)

 

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  • Der Stadtkreis Frankfurt (Oder) mit den 5 Dörfern Kliestow, Rosengarten, Lichtenberg, Markendorf und Güldendorf verfügt im Mai nur noch über 38 Rinder, 8 Schweinen, 68 Ziegen, 3 Schafen, 128 Pferden und 126 Hühnern.
  • Das Kliestower Gut besaß am Ende des Krieges etwa 700 Schafe. Diese wurden durch die russische Armee beim Einmarsch in Kliestow sofort beschlagnahmt, dazu 2 Hütehunde.
  • Für die Erfüllung der Aufgaben bzw. Befehle der sowjetischen Militäradministration wurden durch diese folgende Bürgermeister eingesetzt: Otto Geselle, Rudolf Riesenberg, Otto Krappe, Herr Berendt. Im Wesentlichen bestand ihre Aufgabe auch darin, Lebensmittel und Kohlenkarten auszugeben und z. B.  Bewohner ab– oder anzumelden.

 

August 1945: Einstellung des Reiseverkehrs auf der Strecke Frankfurt (Oder)-Küstrin über Haltepunkt Kliestow. Demontage der Schienen zur anderweitigen Verwendung.

Umbau des Bahnhofsgebäudes als Wohnung für Familie Malze, ab 01.10.1958 Familie Hilsing (siehe auch unser ►Thema 15 "Eisenbahn in Kliestow").

 

10. oder 28. August: Von der Fundmunition aus Kliestow und Umgebung verirrte sich eine Granate in Lisa Gielischs Scheune. Karl Kitzrow hatte sich erinnert:

 

„Es war im Monat August, vielleicht der 10.08.1945. Fundmunition aus dem Zweiten Weltkrieg wurde aus Kliestow und Umgebung zum Teil hinter dem Neuen Friedhof am Gronenfelder Weg zusammengetragen und gesprengt. Doch dann flog plötzlich eine Granate oder heißer Splitter in Richtung Dorf und traf die Scheune von Frau Lisa Gielisch. Die Scheune stand so­fort in Flammen. Die Kliestower Feuerwehr, bestehend aus zumeist alten Kameraden, versuchte die alte Scheune so gut es ging zu lö­schen, doch vergebens, sie brannte bis auf die Grundmauern ab. 

     Zwei Tage nach diesem Brand hatte man den Feuerwehrchef Max Gebhard, den alten Bürgermeister vor 1945, ein gewisser Klemke, den Nachbar von Elisabeth Gielisch, Willi Kutschenreuter, und den ehemaligen Gärtner vom Gut eingesperrt. Angeblich soll die sowjetische Kommandantur nicht gewusst haben, dass dort Munition in Kutschen­reuters Scheune bis unterm Dach lagerte. Die Feuerwehr hatte die gesamte Scheune so mit Wasser gekühlt, damit sie nicht in die Luft flog.

Kutschenreuter und Gebhard sind nach Kliestow zurückgekehrt. Der Bürgermeister Klemke und der Gärtner des Gutes sind ins Internierungslager, in welchem ist nicht bekannt, gekommen - und niemals zurückgekehrt. Man nimmt an, dass sie dort ums Leben kamen.“

 

Ergänzend zur Schilderung von Herrn Karl Kitzrow über seine Flucht und Rückkehr nach Kliestow möchte ich (Kliestow, 10.05.1995/14.03.2012 Bericht Elisabeth Gielisch) zum Ereignis am 28. Aug. 1945 in Kliestow feststellen, dass dieses Datum den Tatsachen entspricht.

 

„Denn ich weiß es noch wie heute, der Tag als die Granate oder größere Granatsplitter in das Dach meiner Scheune im Winkelweg 2 einschlugen, das war der Tag meines Geburtstages. Ich war gerade in der Stadt - in Frankfurt - und kam zurück, als die Scheune schon lichter loh brannte. Diese Scheune war ebenfalls ein Fachwerkgebäude, ähnlich des heute noch stehenden Wohnhauses. 

Die Feuerwehr, die mit Wasser aus dem See versuchte, das Feuer einzudämmen, stand auf verlorenem Posten. Der alte Standort ist auch der Standort der jetzigen gemauerten Scheune. Als es nicht gelang, dem Feuer Herr zu werden, richteten die Feuerwehrleute ihre Löscharbeiten auf unser Wohnhaus Winkelweg 2 und die Scheune von Familie Kutschenreuter, damit die Flammen nicht auf diese Objekte über­greifen konnten.“

 

10. August: Die Kommandantur übergibt durch Oberleutnant Kolomin die Güter Nuhnen, Kliestow und Markendorf als städtische Versorgungsbetriebe.

 

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© Alle Rechte vorbehalten: Heimatverein Kliestow e. V. | letzte Änderung/Aktualisierung: 01.05.2017