Kliestow - Ortsteil der Stadt Frankfurt (Oder)

►Thema 5: Bergbau um Kliestow

5.1. Einleitung5.2. Originalbericht von 18865.2.1. Schacht "Körner"5.2.2. Schacht "Muth"5.2.3. Zutageförderung und Aussieben der Kohle5.2.4. Unter Tage

 5.1. Einleitung

Unter dem 17. Mai 1765 verfügte ►Friedrich II an die Kurmärkische Kammer in Berlin: „Es hat der Bergsteiger Dörmer bei Berge von Frankfurth und Lebus bereisen müssen und in seinem deshalb abgestatteten Bericht gemeldet, dass in denen Bergen unweit Frankfurth nach Boßen und Lebus zu, vom ihm ►braune Kohle angetroffen worden, welche als eine Art ►Steinkohlen zur Feuerung zu gebrauchen sein möchten: Wenn nun dieser Umstand eine nähere Recherge erfordert, so habt Ihr des fördersamsten einen Versuch anstellen zu lassen , ob diese Kohlen zur Feuerung tauglich, maßen wir solchenfalls nicht abgeneigt seyn, solche zur Alaunsiederei nach Freienwalde transportieren zu lassen, und solche uns einzureichen habet, weshalb wir Euren Bericht darüber erwarten.“

Das Urteil fiel wohl nicht günstig aus, und so gerieten die Funde bald in Vergessenheit.  (Karl Michelke Heft 17)

 

 

Von 1842 bis 1911 und wegen des Mangels nach dem 1. Weltkrieg nochmals von 1921 bis 1925 wurde rings um Kliestow Braunkohle in verschiedenen Gruben mit jeweils mehreren Schächten  abgebaut.

 

Im Gegensatz zu heute wurde die Braunkohle damals nicht in ►Tagebauen gewonnen, denn es gab noch nicht die großen Abraumbacker und Förderbrücken wie heute etwa in der Lausitz oder dem mitteldeutschen Raum. Die Braunkohle wurde wie Steinkohle ►unter Tage gefördert, in Kliestow in Schächten von 38 bis 50 m Tiefe.

 

Rund um Frankfurt (Oder) gab es mehrere Gruben, die jeweils verschiedene ►Schächte betrieben, die auch ihre Eigennamen hatten. Um Kliestow herum handelte es sich um die Grube "Vaterland".

 

Die Jahresproduktion allein der Schächte „Körner", „Muth“ und „Armin“ der Grube Vaterland betrug 750 000 Tonnen à 20 Zentner. Der ganze Bergwerksbetrieb der Grube, die im Jahre 1842 eröffnet wurde, gab 200 Arbeiter Beschäftigung. 

 

 

 

 

   

   

 

 

ehem. Grubenhaus des Schachts "Muth"

 

Grubengrenzstein

 Grubenlampe

 

 

Nur wenige Merkmale deuten heute noch darauf hin. So ist das Grubenhaus der Grube des Schachtes  „Muth“ und in unmittelbarer Nähe ein Grubengrenzstein noch erhalten, sowie eine Grubenlampe und die Abraumhalden (siehe Bilder oben). Ein Bericht in der Frankfurter Oderzeitung von 1886 schildert im nächsten Kapitel umfangreich wie die Kohle abgebaut wurde.

 

5.2. Originalbericht von 1886

  

Ein Besuch der Braunkohlengrube „Vaterland“

bei Frankfurt a. d. Oder

 

Originalbericht der Frankfurter Oderzeitung vom 31.Oktober 1886

(Fortsetzung des Berichts am 02.11.1886)

 

recherchiert, aufgeschrieben und Bilder hinzugefügt von Klaus Fechner, Absatzüberschriften hinzugefügt von Ulrich Schultheiß. Um den Originaltext zu erhalten wurde darauf verzichtet, gegenseitige Verwendungen für die Begriffe Zeche, Grube und Schacht zu korrigieren. Im Bericht geht es um den Besuch der Grube oder Zeche „Vaterland“ und deren Schächte „Körner“ und „Muth“.

 

 

...Hoch über meinem Haupte flogen Wildgänse schreiend nach Süden. Ein scharfer Oktoberwind wirbelte die letzten Blätter von den Bäumen und trieb die raschelnden spielend vor sich her, als ich nicht weit hinter Köhlmann`s Fabrik die Frankfurt – Berliner Chaussee verließ und linker Hand einen schmalen wenig betretenden Feldweg einschlug, der mich in Kürze zum Schacht „Körner“ der Vereinszeche „Vaterland“ führen sollte.

Hier auf freien Plane wehte der Wind mit noch größerer Strenge, zu eiligerem Zuschreiten mahnend. Ja, ja der Winter schickt uns seine Boten, auf das wir uns bei Zeiten einrichten, ihm würdig empfangen zu können. Man fülle die Keller mit Holz und Kohlen, denn alle Anzeichen sprechen dafür, dass der Winter wieder hart und rau sein wird. Bei solchen Aussichten wird es den einheimischen Lesern unserer Zeitung erwünscht sein, einen Blick in das Getriebe zu tun, das wohl hauptsächlich Frankfurts Öfen mit Brennmaterial versorgt. Weiter denn, dem Ziele zu! Der gerade nicht bequeme Weg schlängelt sich zwischen hügeligen, jetzt leeren Stoppelfeldern dahin, hin und wieder bemerkt man brachliegendes Land, jedenfalls durch den Bergbau hervorgerufene Bruchstellen. Jetzt ersteigt man die Höhe eines winzigen Hügels, kaum verdiente er diesen Namen, und die Rauch- und Kohlenstaubgeschwärzten Gebäude des Körner-Schachtes liegen vor dem Wanderer...

 

 

Karte der Schächte um Kliestow von 1894

 

5.2.1. Der Schacht "Körner"

...Nachdem das Geleise der ►nach Küstrin führenden Eisenbahnstrecke überschritten ist, steht man auf einem Platze, dessen Boden einige Millimeter hoch mit Kohlestaub bedeckt ist. Bei jedem Schritte erhebt sich eine kleine dunkle Staubwolke.

Ich habe das Vergnügen auf Schacht „Körner“ gerade den technischen Leiter des Bergwerkes, Grubeninspektor Damm, anwesend zu finden, der die Freundlichkeit hat, mich mit der nur auf diesem Schachte betriebenen Presskohlen – Fabrikation näher bekannt zu machen. Ein weit verbreiteter und eigentlich durch nichts gerechtfertigter Irrtum wird gleich im ersten Augenblicke berichtigt. Zur Erzeugung der Presssteine wird nicht – wie fast allgemein geglaubt – schlechtes Material, z. B. mit erdigen Bestandteilen vermischter Kohlenabfall verwendet, sondern gute, unvermischte Kohle, hier auf Schacht „Körner“ alle aus ►Flöz 4 (in der bergmännischen Sprache der „liegenden Partie “ angehörig) geförderte Kohle. 

 

 

Die Presssteine unterscheiden sich von dem ursprünglichen Material dadurch, dass sie nicht mehr abfärben, wie die unverarbeitete Braunkohle, eine dunklere Farbe als diese besitzen, und wegen ihrer Festigkeit sich zum weiteren Transport eignen. Alle auf Schacht Körner geförderte Kohle wird zur Fabrikation von Presssteinen verbraucht. Zuerst gelangen die Kohlen mittels einer Rutschbahn direkt aus dem Förderschacht in eine Grube, wo sie von einem Mahlwerk zermahlen werden. Ein ►Elevator hebt nun dieses zermahlte Material empor und schüttet es in einen eisernen krippenähnlichen Trog in welchem es durch eine so genannte Schnecke langsam weiter geschoben und gleichmäßig genässt wird.

 

Das in dem Troge befindliche Material darf nur mit einem ganz bestimmten Quantum Wasser durchnässt werden und es muss ein geschickter Arbeiter sein, welcher der Kohle einen bestimmten Feuchtigkeitsgrad gibt. Mittlerweile ist aus den erst  vor kurzer Zeit aus dem Schoße der Erde heraufgekommenen Braunkohlen ein kleisterartiger Brei geworden, der nun durch vier Walzenpaare gequetscht wird und durch ihnen zerrieben, durch ►Schneckenbetrieb in den so genannten „horizontalen Rumpf“ gelangt. In diesem Rumpfe wird die Teigmasse gewaltig zusammengepresst und, nachdem sie durch Dampf erwärmt worden, zum Mundstücke des Apparats – ähnlich wie bei der Ziegelproduktion- im wurstförmigen Strange hinausgedrückt und letzterer beim Hinaustreten fortwährend in je drei Stücke zerschnitten. Der Presskohlenstein ist fertig – bis aufs Trockenwerden. Deshalb werden jetzt die  feuchten, warmen Presskohlen von zu solchen Arbeiten besonders geschickten Frauenhänden auf Regale gelegt und diese mittels kleiner Wagen auf Schienenwegen in die ausgebauten Lagerräume gefahren, in welchen die Presssteine zu ihrem völligen Brauchbarwerden trocknen müssen.  Unter den Riesenschuppen des Körner- Schachtes lagern alljährlich gegen 5 ½ Millionen  Presssteine, - so viel beträgt nämlich die Jahresproduktion, die natürlich nur in den nicht winterlichen Monaten stattfinden kann.

Die zum Pressereibetriebe notwendige Dampfenergie wird von einer liegenden Dampfmaschine zu 35 und von einer Lokomobile zu 8 Pferdestärken erzeugt. Die mit der Presskohlenfabrikation zusammenhängenden Verrichtungen – vor allem Aufstapeln der Presssteine – werden größtenteils von Frauen besorgt, die oft in der mit Kohlenstäubchen erfüllten Atmosphäre  eine besonders gefährliche Arbeit haben...

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 5.2.2. Der Schacht "Muth"

...Da wir nun alles gesehen, wodurch sich die Grube „Körner“ von den beiden anderen Betrieben des Bergwerks auszeichnet, nehmen wir von unseren liebenswürdigen Führer Abschied. Sein „Glück auf“, der alte, herzige Bergwerksgruß, begleitet uns auf den Weg, der durch das Dörfchen Cliestow nach den Schacht „Muth“ führt.

 

Dort, wo das Geleise der „Frankfurter Lokal – Güterbahn“ die Chaussee überschreitet betreten wir letztere wieder. Vom klaren Herbsthimmel hebt sich in scharfen Linien die Seilbahn ab, welche die Ladestation der Grube an der Lokal – Güterbahn mit dem linker Hand liegenden Schacht „Armin“, sowie mit dem Schacht „Muth“ verbindet.

 

Es gewährt einen eigentümlichen Reiz, hoch oben in der Luft die mit Kohlen beladenen und leeren Wagen hin und herschweben zu sehen, wie große Spinnen an ihren Netzfäden, so hängen und laufen die kleinen Waggons an ihren Seilen. Und kommt man erst ein wenig näher, so hört man ein Surren und Schnurren, als drehe in der Umgebung eine Riesenjungfrau Jötunheims uralten Zeiten ihr Spinnrad.  Die dem Bergwerk unentbehrlich gewordene Seilbahn wurde vor vier Jahren von der Firma Bleichert und Komp in Leipzig aufgestellt. An der Ladestation geht es ohne Aufenthalt vorrüber und nun gelangt man bald zur Dorfschmiede Cliestow`s.

 

 

 

   

 

Ehemalige Schmiede 

 

Rest der Halde Muth hinter dem „Sonnenhang“

 

Gleich hinter dem Hause wendet sich der Weg rechts, die Dorfkirche bleibt ebenfalls rechts liegen und nun schreitet man an dem Gasthaus vorbei dem Schacht „Muth“ zu.

 

Kurz vor den Baulichkeiten des Betriebes befindet sich an der linken Seite des Weges eine große durch Zäunen abgegrenzte und durch Strohwich Stangen als „besonders gefährlich“ bezeichnete Bruchstelle. Die Besitzer solcher Felder, die durch den Bergbau auf Jahre hinaus kulturunfähig werden, erhalten von der Grube Entschädigungen. Da entstehen dann nicht selten Meinungsverschiedenheiten über Nutzwert und dergleichen zwischen Besitzer und Bergwerk, und zur Vermeidung solcher Differenzen bestimmt das Bergrecht für so genannten neuen Provinzen Preußens, das die Bergwerksunternehmer nicht nur das Land, auf dem die Betriebsgebäude errichtet werden, käuflich zu erwerben haben, sondern überhaupt alles Land, in dessen Schoße Kohle „vermutet“ wird. Die Betreffenden besitzen dann aber auch das Recht der „ewigen Teufe“ d. h. das Recht einer unbeschränkten Ausdehnung des Bergbaues in der Tiefe.

 5.2.3. Zutageförderung und Aussieben der Kohle

  

    Auf Schacht „Muth“ ist vorerst der Kohlenmeister Führer. Er steht am ersten Rumpf, aus dessen Schlünden die Arbeiter die Förderkohle in kleine Waggons gleiten lassen, die dann auf dem Schienengeleise zur Kopplungsstation der Seilbahn gebracht und mittelst letzterer zur oben erwähnten Ladestelle befördert werden. Unter Leitung des Kohlenmeisters werden nun die Maschinenräume und der Raum besichtigt, in welchem zwei Riesenpumpen, Tag und Nacht ohne Aufhören, das aus der Tiefe der Erde gehobene Wasser in eine Gosse befördert, aus welcher es in einen Graben fließt, der es im weiteren Laufe in die Oder führt. Jetzt steigen wir auf einfacher, aber ungemein fester Leiter, in den Bau hinauf in welchem sich die Siebvorrichtungen und die Kohlenabnahmestation befindet. In Letzterer steht ein vereideter Förderungs- Aufseher, der während seiner Dienststunden nicht vom Flecke weichen darf.

Ein leerer Wagen rollt heran, im gleichen Augenblicke bringt die Fahrkunst einen mit Kohlen vollgeladenen Wagen aus dem Schachte herauf. Im nu wird der vollgeladene von der Förderschale herunter gezogen, der leere auf die Scheibe hinaufgeschoben. Der Förderungsaufseher gibt ein Zeichen, die Fahrkunst sinkt an einer Seite mit leeren Wagen in die Unterwelt und bringt an der anderen Seite eine zweite Ladung ans Tageslicht. So geht die Sache  wechselweise in infinitum weiter. Der Förderungsaufseher nimmt aber jedem vollen Wagen ein obenauf liegendes, mit bestimmten Zeichen versehendes Holztäfelchen ab und reiht dasselbe an einem Eisendrahte auf. Sind auf einem Drahte aber 38 solcher Holztäfelchen versammelt, so hat der das betreffende Zeichen des Täfelchens führende Bergmann unten in der Grube 12 Stunden lang oder (1 1/2 Schicht) seine Schuldigkeit getan und in dieser Zeit 38 Wagen, a 5 Hektoliter enthaltend , mit Kohlen gefüllt.

 

 

Im ersten Teile unseres Artikels hatten wir zuletzt die Förderungsvorrichtungen geschildert. Nehmen wir an, es sei soeben wieder ein mit Kohlen beladener Wagen aus der Tiefe des Schachtes heraufgekommen. Er wird nun von der Hängebank, das ist die über Tage gelegene Schachtöffnung, nach der Kippvorrichtung  des ersten Rumpfes (für Förderkohle) gefahren, oder an der des zweiten Rumpfes in den ersten Trommelsieber geschüttet, der seinerseits die  „Stückkohle 1 “ zurück hält. Die durch die Maschen des ersten Trommelsiebers  durchfallende Kohle wird durch einen Elevator in den zweiten gehoben, in dem nun die „Stückkohle 2“ ausgesondert wird. In den letzten beiden Trommelsiebern – die sich alle in fortwährender Drehung um ihre eigene Achse befinden – scheidet man noch die kleine „Knörpelkohle“ und die „Grußkohle“ aus. Ähnliche, doch im kleineren Maßstabe angelegte Siebvorrichtungen wie hier auf Schacht „Muth“ sind auch auf der Ladestation.

 

 

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 5.2.4. Unter Tage

   Jetzt haben wir alle „Über Tage“ liegenden Einrichtungen in Augenschein genommen und wir verabschieden uns vom Kohlenmeister, um im Steigerhause die „ zur Fahrt in die Unterwelt“ nötigen Vorbereitungen zu treffen. Ein Steiger – auf der Grube sind 4 Steiger  und ein Obersteiger tätig – wird Führer sein.

Schnell wirft man sich in die bereit liegende „Bergmannskluft“, schnallt das Bergleder um die Lenden und drückt einen derben, breitrandigen Filzhut aufs Haupt.  Nachdem wir noch frisches 0el auf unsere Lampen geschüttet, begeben wir uns zum Förderschacht, die Lampen werden angezündet, wir treten auf die Förderschale, der Steiger gibt ein Zeichen und – hinunter geht’s in den dunklen Schoß der mütterlichen Erde! „Wir fahren an“ heißt der bergmännische Ausdruck.

    Ein sehr sonderbares Gefühl bemächtigt sich desjenigen, der zum ersten male wagt, in die Geheimnisse der Tiefe einzudringen. Dem Manne des Berufs ist die Sache alltäglicher geworden und nur selten wird er sich darüber poetischen Reflexionen hingeben, den Laien aber, der zum ersten male sich in unserer Lage befindet, werden die verschiedensten Empfindungen durchzittern. Tiefer und tiefer sinken wir und es ist, als wäre die doch erst Sekunden lange Fahrt schon eine Ewigkeit.

Unsere Grubenlichter flackern und qualmen. „ Erheben sie sich auf die Zehenspitzen, damit sie keine Erschütterungen davontragen, gleich sind wir unten “! ruft der Steiger und schon halten wir mit gelindem Ruck an. Wir sind am Füllorte, der stationär beleuchtet wird und können daher einen ziemlich guten Umblick tun. Aus den Strecken kommen volle Wagen angerasselt und leere verschwinden dahin. Der Obersteiger ist mit einigen Leuten beschäftigt, nachzusehen, ob unten an den Pumpen alles in Ordnung ist.  In welcher Tiefe befinden wir uns wohl? Fragen wir den Führer. „Schacht Muth“ ist 38 Meter tief. Wie tief sind wohl die beiden anderen Schächte?  Armin ist 39 Meter und Körner 50 Meter tief.

    Wir begeben uns nun in die Grundstrecke hinein, unsere beiden flackernden Grubenlichter nur leuchten aus dem feuchten schlüpfrigen Wege, hin und wieder patschen wir durch Wassertümpel, Fördermänner mit ihren gefüllten Wagen kommen an uns, die wir uns eng an die Wände drücken müssen, vorüber. Endlich gelangen wir „Vor Ort“, d. h. an eine Stelle, wo die Gewinnungsarbeiten stattfinden.

Auf der Grube „Vaterland“ wird Pfeilerbruchbau betrieben. Von der Grundstrecke aus werden nach der nächst höher gelegenen Abbaustrecke aufsteigende, diagonale Strecken durchgeführt. Nachdem das Flöz in einer Unzahl von Abbaupfeilern  eingeteilt ist, beginnt an den äußersten Enden der eigentliche Abbau. Zur Unterstützung des Dachgesteins lässt man zuerst noch regelmäßig eingeteilte Kohlenpfeiler stehen, die aber schließlich auch noch abgebaut werden. Nun, nachdem schon vorher alle Stempel (Stützhölzer) geraubt, d.h. weg geschlagen worden, muss das Gebirge gleichmäßig nieder gehen.

    Mit kräftigem „Glück auf“ begrüßen wir die kohlenstaubgeschwärzten Hauer, von denen 3 – 4 mit ihrem Fördermann zusammen eine Kameradschaft bilden.

„Glück auf“ schallt es zurück. In gebückter Stellung, nur wenig bekleidet oder ganz nackt, von Schweißströmen gebadet, da verschiedenen Orten eine wahrhaft tropische Hitze herrscht, schwingen die Leute 12 Stunden lang ihre Werkzeuge und entreißen dem Erdreich die Braunkohle.

    Ist der Wagen gefüllt, so legt der Hauer sein schon oben erwähntes Holzstäbchen oben auf und der Fördermann schiebt den Wagen auf schmalem Geleise vorwärts zum Füllorte.

    Es ist ein mühseliger, gefahrenvoller Beruf und doch poesievoll wie wenig andere. Und das empfindet, wenn auch nur zeitweilig, wohl der geringste unter den Leuten, wenn er mit Lust und Liebe Bergmann ist. In der heimlichen Tiefe der Erde, deren Dunkel nur ein winziges Lämpchen lichtet, umgeben von Gefahren, drängen sich dem Bergmann Betrachtungen auf, die anderen Leuten seltener kommen werden.

 

                            Wir wandern tief, wo das Leben beginnt,

                             Auf nie ergründeten Wegen.

                             Der Gänge verschlingendes Labyrinth

                             Durchschreiten wir kühn und verwegen.

                             Wie es oben sich regt im Sonnenlicht,

                             Der Streit über Tage kümmert uns nicht.

 

    So sang Theodor Körner, der ja auch ein Bergmann war und zu dessen Ehren die Grube einen ihrer Schächte „Körner“ taufte.

    Wir schreiten weiter und so tief man sich auch bückt, oft schlägt sich der Kopf mit Macht an der Deckenzimmerung. Man muss halt eben alles lernen, auch das Gehen im Bergwerke. Jetzt kommen wir an einen Arbeiter vorüber, der an der Streckenzimmerung eine Reparatur vorzunehmen hat. Seine Grubenlampe brennt schlecht und auch die unseren haben nicht mehr die breite, volle Flamme ein Beweiß, dass die Wetter (Luft) an dieser Stelle nicht mehr „gut  atembar“ sind. Es muss deshalb ein Wetterwechsel oder Wetterung mittels der Wetterschächte und der zur Absperrung gewisser Gänge und Strecken notwendigen Wettertüren erzeugt werden. Schon durch das Atmen vieler Menschen, sowie durch das Brennen der Grubenlichter, wodurch der atmosphärischen Luft Sauerstoff entzogen wird, sodann durch die Zersetzung organischer Körper, sowie durch das ausdünsten der Arbeiter wird die Luft verschlechtert. In diesen Fällen pflegt man von matten Wettern zu sprechen, während man unter bösen Wettern diejenige Luft versteht, die für den Organismus feindliche Gase enthält. Bei einem Gehalte der Luft von 4 – 5 Prozent  Kohlensäure fangen die Lichter bereits an, schlecht zu brennen und verlöschen ganz bei einem Gehalte von 10 Prozent, während für den Atmungsprozess eine 5 Prozent Kohlensäure enthaltene Luft bereits höchst gefährlich ist.

Wir begeben uns nun durch eine Verbindungsstrecke zur Abbaustrecke, um dann auf dieser wieder zurück zum Füllorte zu gelangen und müssen dabei an einer Brandstelle vorüber, wo sich die Kohlen durch Zersetzung der im Flöz befindlichen Schwefelkiese entzündet haben. Derartige Brände, die für gewöhnlich durch Sandschüttungen – versetzen der Berge – gelöscht werden, können leicht sehr gefährlich werden. Vor ungefähr 10 Jahren brannte Schacht „ Körner“ ab, und zwar war das Feuer durch Selbstendzündung der Kohle entstanden.

 

Wir kommen dem Füllorte immer näher und wahrlich, es ist Zeit.  Denn durch das tief gebückte Gehen  und anhaltende Einatmen der ungewohnten Grubenluft  sind wir todmüde, auch kurzatmig, mit einem Worte „bergfertig“ geworden. Wir sehnen uns hernach, wieder das Licht des Tages begrüßen zu können. Was sollen wir auch länger verweilen? Tiefer in das bergmännische Getriebe einzudringen, ist bei einem ersten und vielleicht auch letzten Besuche doch nicht möglich und Details gerade dieser Grube wiederzugeben, vermag nur der Fachmann.

 

 

 

 

Die Jahresproduktion dieser 3 Schächte – Schacht „Armin“ bietet nichts, was sich von den Einrichtungen des Schachtes „Muth“ unterscheiden könnte – beträgt 750 000 Tonnen, a 20 Zentner. Der ganze Bergwerksbetrieb der Grube, die im Jahre 1842 eröffnet wurde, gibt 200 Arbeiter Beschäftigung.

 

    Jetzt, nachdem wir uns am Füllorte erholt, betreten wir die Förderschale – die Bergleute benutzen für gewöhnlich nur selbst gezimmerte Leitern  zur Ausfahrt – und nach einer Sekunde streben wir wieder den Sonnenschein entgegen …

 

                

 „Durch den Schacht auf der schwindeligen Fahrt hinauf

zum rosigem Lichte.

Glück auf ! Glück auf !

 

 

Schacht „Armin“ um 1900 

 

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© Alle Rechte vorbehalten: Heimatverein Kliestow e. V. | letzte Änderung/Aktualisierung: 01.11.2018